Abendblatt
Übersetzungsfehler führte zur Verhaftung durch das Mobile
Einsatzkommando
Profi-Boxer saß monatelang unschuldig in
Haft
Richterin hebt Haftbefehl auf, nachdem
Abhörprotokolle nochmals übersetzt wurden.
Von Denis Fengler
Die Hamburger Polizei und die Ermittlungsrichter des Landgerichts
streiten in einem spektakulären Fall: Ein 25 Jahre alter Profi-Boxer
hat fünf Monate lang in Untersuchungshaft gesessen, weil offenbar ein
Polizeidolmetscher Abhörprotokolle falsch übersetzt hat. Während die
Polizei an der Aussage ihres Dolmetschers festhält, hat die Vorsitzende
Richterin den Mann inzwischen freigelassen.
Der
Fall: Es ist sechs Uhr am Morgen des 18. Dezember 2007. Das Mobile
Einsatzkommando (MEK) stürmt eine Wohnung in Marienthal. Hamid Rahimi
wird aus dem Bett gerissen, ins Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis
gebracht. Er soll für eine Gruppe albanischer Drogenhändler Kokain
besorgt haben. Sechs Männer und eine Frau werden an diesem Tag gefasst.
Der Fall geht durch die Medien.
24 Jahre alt ist Rahimi zu diesem Zeitpunkt, auch als Betreiber
einer Szenebar an der Langen Reihe bekannt und seit mehr als einem Jahr
Profi-Boxer. Im Ring heißt er "The Dragon" (der Drache), kämpft für den
Arena-Boxstall. Fünf Kämpfe hat der in Afghanistan geborene Deutsche
gewonnen. Vier Tage später soll er den sechsten bestreiten. Seine
Festnahme verhindert das.
Rahimi
sitzt in Einzelhaft, isoliert von anderen Gefangenen. Wichtige
Boxkämpfe gehen an ihm vorbei, Werbeverträge platzen. Es geht um
Zehntausende Euro. Fünf Monate später öffnet sich unvermittelt die
Zellentür. Gegen Rahimi bestehe kein dringender Tatverdacht mehr, so
das Landgericht. Niemand weiß von seiner Entlassung. Wenige Tage |
zuvor
war ihm noch untersagt worden, die Beerdigung eines Verwandten trotz
Kautionszahlung zu besuchen. Mehrere Male hatte die Staatsanwaltschaft
die Entlassung Rahimis aus der Untersuchungshaft abgelehnt.Nach
Informationen des Abendblattes haben offenbar unsaubere Ermittlungen
der Polizei den heute 25-Jährigen um wichtige Monate seiner Karriere
gebracht. Wochenlang hatte das Landeskriminalamt (LKA) die Verdächtigen
vor dem MEK-Einsatz observiert und abgehört. So auch Ende November
2007: Zwei der Beschuldigten, es sind Albaner, unterhalten sich in
einem verwanzten Auto über einen Drogenlieferanten. Während des
Gesprächs ist von dem "Afghanen" die Rede. So übersetzt es der
Dolmetscher der Polizei. Rahimi, der eigenen Angaben nach nur flüchtige
Bekanntschaften zu den anderen Angeklagten unterhalten hatte, ist
gebürtiger Afghane. Für das LKA eine entscheidende Verbindung
imErmittlungspuzzle.
Weil
der Dolmetscher in seinem Protokoll aber auch angibt, einige Passagen
nicht hundertprozentig verstanden zu haben, und anonym bleiben soll,
deshalb auch nicht im Prozess auftreten darf, beauftragen die Richter
zwei weitere Übersetzer. Und die widersprechen den Angaben des
Polizeidolmetschers.
Laut
Gerichtssprecherin Sabine Westphalen können weder der Begriff "Afghane"
noch andere entscheidende Satzteile gehört werden. Die Vorwürfe gegen
Rahimi fallen in sich zusammen. Im Beschluss des Landgerichts heißt es:
Eine Verurteilung Rahimis erscheine deshalb als unwahrscheinlich, weil
die Beweisführung von Beginn der Ermittlungen an "fragil und durch den
Wegfall einzelner Folgerungen (der Übersetzungen des
Polizeidolmetschers) als jedenfalls nicht - oder nicht mehr -
ausreichend sicher feststehend erschütterbar war". Die Polizei hingegen
verteidigt ihre Ermittlungsarbeit: "Es gibt für uns keinen Zweifel an
der Qualität und der Übersetzung des Dolmetschers", erklärt
Polizeisprecher Ralf Meyer.
Heute
Abend wird Rahimi zum ersten Mal wieder in den Boxring steigen, in
Magdeburg. Die fünf Monate U-Haft sind nicht spurlos an ihm
vorübergegangen. Mit seinem Anwalt will er jetzt auf Entschädigung
klagen.
erschienen am
10. Oktober 2008
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